Vom Bürgerspital zum Internat

Das Holztechnologische Zentrum unserer Schule hat eine wechselhafte Vergangenheit hinter sich. Wir möchten Ihnen hier diese Geschichte in Wort und Bild präsentieren. Frau Mag. Christa FUCHS hat uns dankenswerterweise ihren dazu verfassten Artikel zur Verfügung gestellt. Wir haben den Artikel für die Homepage etwas gekürzt.

Im Westen von Bruck an der Mur in unmittelbarer Nähe zur Leobner Brücke liegt das ehemalige Bürgerspital und die daran angefügte profanierte Kirche St. Martin. Schon bald nach der Neuanlage der Stadt durch den Böhmenkönig Přemysl Ottokar II. 1263 war die Errichtung einer solchen Institution notwendig.

Das Bürgerspital, auch als Hospital bezeichnet, zählte zu den bedeutendsten sozialen Einrichtungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Es handelte sich dabei ursprünglich nicht um ein Krankenhaus oder Pesthaus, für das der Begriff Lazarett üblich war, sondern um ein Heim zur Unterbringung alter, bedürftiger und invalider Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eigene Arbeit verdienen oder aus Erspartem decken konnten. Die Bezeichnung „Bürgerspital“ verweist darauf, dass die Insassen verarmte Bürger waren, die einer dauerhaften Pflege bedurften.

Zur Zeit seiner Gründung lag der Gebäudekomplex außerhalb der Stadtmauern und war von der Stadt aus über das Leobner Tor zu erreichen. Wann das Bürgerspital genau erbaut wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Fest steht, dass es bereits 1329 anlässlich einer Stiftung der Gattin des steirischen Herzogs Friedrich des Schönen, Elisabeth, testamentarisch genannt wurde. Eine spätere Inschrift verweist auf das Jahr 1467.

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Das heutige Aussehen des Bürgerspitals geht auf die Zeit von 1467 zurück: ein zweigeschoßiger Gebäudekomplex bestehend aus mehreren Trakten und einem Innenhof. Angebaut ist eine kleine spätgotische Kirche, die dem Heiligen Martin geweiht ist, der der Legende nach in einer barmherzigen Tat seinen Mantel mit einem Schwert geteilt und eine Hälfte einem hilfsbedürftigen, unbekleideten Mann gespendet haben soll. Die Kirche selbst lässt zwei Bauperioden erkennen, der gotische Chor stammt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts, das Kirchenschiff aus dem 15. Jahrhundert. Es ist zweijochig und mit einem attraktiven Sternrippengewölbe ausgestattet. Sehenswert sind die Kapitelle, darunter zwei Blattwerkkapitelle, sowie die Schlusssteine, die mit Rosetten und Wappen verziert sind. Das Sternrippengewölbe im Chor zeigt einen Schlussstein mit dem Lamm Gottes.

Die gesamte Außenfassade ist schlicht gestaltet. [...] Als während der Renovierung der Kirche 1957 Reste zweier Fresken hinter zahlreichen Übermalungen sichtbar wurden, wurde der akademische Maler Prof. Heinrich Prochaska gebeten, diese freizulegen und zu restaurieren. Im Einverständnis mit dem Bundesdenkmalamt wurde die weibliche Heiligenfigur erhalten, das Gegenstück, ein gotischer Bischof, schien dem damaligen Landeskonservator zu fragmentarisch und wäre der Spitzhaue zum Opfer gefallen, hätte es Professor Prochaska nicht aus eigener Initiative aus der Mauer gesägt. Der gotische Bischof aus dem 15. Jahrhundert, vermutlich der Heilige Martin, fand in der Minoritenschänke des Hotels „Zum Schwarzen Adler“ seine neue Heimstätte. Die einzelnen Bruchstücke wurden dafür gereinigt, mosaikartig neu zusammengesetzt und in die Mauer des neuen Standortes eingefügt. Das Fresko, das sich heute an der rechten Seitenwand unmittelbar nach dem Eingang zum Geschäft „Libro“ befindet, wirkt dort so, als hätte es sich immer in der Bogenwölbung befunden, und verleiht dem Raum eine geschichtsbetonte Note.

Das Kostbarste an der Ausstattung der Kirche, der Rest eines Flügelaltars, befindet sich heute als Leihgabe in der Obhut des Landesmuseums Joanneum in Graz und ist dort nach einer aufwändigen Sanierung seit 1976 in der Sammlung für mittelalterliche Kunst in der Alten Galerie zu besichtigen. Es handelt sich dabei um eine Altartafel aus dem Jahre 1518, die den Heiligen Martin zeigt und ein herausragendes Beispiel der spätgotischen Sakralkunst in der Steiermark darstellt, aber auch in den Figuren und der Landschaft bereits Züge der Renaissance erkennen lässt.

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Arbeitsunfähige, mittellose und alte Bürger wurden seit jeher im Bürgerspital aufgenommen. Aber auch bei Erkrankten erwies sich die Spitalspflege oft zweckmäßiger als die mitunter mangelhafte Betreuung im Privathaushalt. Darum wurde 1843 im Bürgerspital ein Raum für deren Aufnahme bereit gestellt, der von Beginn an allerdings nicht genügte, sodass bald ein zweiter für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden musste. Schließlich wurde 1874 im schräg gegenüber liegenden Andreashof ein Spital eingerichtet, das aber bereits nach wenigen Jahren den Anforderungen nicht mehr entsprach. Daher war der Bau eines öffentlichen Krankenhauses unumgänglich. Am 28. Oktober 1887 erfolgte die Grundsteinlegung für dieses Spital in der Brucker Murvorstadt durch Kronprinz Rudolf. Eine Tafel zur Erinnerung an die Gründung des Rudolfspitals sowie die Urkunde mit der Unterschrift des österreichischen Thronfolgers sind heute im Foyer des neuen Landeskrankenhauses in der Laming zu besichtigen. [...]

Vor große Herausforderungen stellten das Personal der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit, zumal sich Klagen unter den Insassen über ungleiche und ungerechte Essenszuteilungen im städtischen Versorgungshaus, so der Name des Bürgerspitals seit der Gründung der Ersten Republik, häuften, sodass schließlich für alle einfache Einheitskost eingeführt wurde. Die sofortige Inbetriebnahme der Viehwirtschaft auf den hauseigenen Grundstücken sollte aber von nun an jeden zweiten Monat Schlachtungen und somit häufigere Fleischrationen für die Pfleglinge gewährleisten. Nach 1938 wurden die pflegebedürftigen Bewohner ausquartiert und das Gebäude für militärische Zwecke genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es aufwändig restauriert, seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben und diente ab 1946 arbeitsunfähigen, kranken Bruckern wieder als Altersheim, wobei ab 1956 in einigen Räumlichkeiten die Musikschule der Stadt untergebracht wurde und die profanierte Kirche den Musikern als Konzert- und Kammermusiksaal diente. Als die Insassen 1957 in ein neues Heim in der Altersheimgasse zogen, nützte man die frei gewordenen Räume und Schlafsäle im ersten Stock als Jugendherberge. Nachdem auch die Musikschüler 2001 in das neu adaptierte Gebäude der ehemaligen Kreuzschwestern in der Liechtensteinstraße übersiedelt waren, stand das Haus einige Jahre weitgehend leer, diente aber zeitweise als Notschlafstelle der Caritas.

2009 erfolgte ein Zu- und Umbau. Notwendig war dies durch die Bereitstellung des Gebäudekomplexes für die Höhere Bundeslehranstalt für Forstwirtschaft, deren bisheriges Internat aus allen Nahten platzte. Der Bau wurde vorbildlich renoviert, wobei das spätgotische Fresko mit der weiblichen Heiligenfigur an der Außenseite restauriert und die florale Gestaltung des Gewölbes freigelegt wurde. 2010 wurde das Schülerheim samt modernem Trakt mit einem holztechnologischen und betriebswirtschaftlichen Zentrum seiner Bestimmung übergeben. Die vom akademischen Maler Prof. Edmund Stierschneider einst an der Nordfassade des Gebäudes angebrachte Inschrift mit Gedanken zur christlichen Nächstenliebe erstrahlt heute in neuem Glanz.

 

Mag. Christa FUCHS

Veröffentlicht am 16.02.2018